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Entstehung

Armenfürsorge vor 1919

Selbsthilfe und Sozialpolitik der Arbeiterbewegung

Als am 13. Dezember 1919 der Parteivorstand der Sozialdemokratischen Partei dem Vorschlag von Marie Juchacz zustimmte eine sozialdemokratische Wohlfahrtspflege zu schaffen, konnte der anschließend gegründete "Hauptausschuß der Arbeiterwohlfahrt" auf langjährige Aktivitäten und Erfahrungen

- der Arbeiterbewegung,
- sozialdemokratischer Frauen in Kinderschutzkommissionen,
- bei Kinderferienwanderungen,
- in der Kriegswohlfahrtspflege usw. zurückblicken.

Frühester Vorläufer der Arbeiterwohlfahrt war Deutschlands erste allgemeine Arbeiterorganisation, die "Arbeiterverbrüderung", die der demokratischen Revolution von 1848 in Berlin entsprang. Neben politischen Forderungen, forderte sie den Grundsatz der "Selbsthilfe" der Arbeiterschaft, z.B.

- Eigene Arbeitsstellenvermittlung,
- aus Arbeiterbeiträgen gespeiste Darlehenskassen für Arbeiter,
- Fortbildung der Arbeiter.

Weitere Vorläufer der Arbeiterwohlfahrt waren die lokal organisierten sozialen Hilfen der anwachsenden Organisationen der Arbeiterbewegung für die durch das "Sozialistengesetz" verfolgten, inhaftierten, arbeitslos gewordenen, notleidenden oder verbannten Sozialdemokraten und Gewerkschaftler. In dieser Zeit wurden erste Konsumgenossenschaften als Aktionen der Selbsthilfe der Arbeiterschaft gegründet. Sozialdemokraten forderten bereits damals ein Recht auf Hilfe bei Bedürftigkeit und die Durchführung aller Wohlfahrtspflegerischen Aufgaben durch die Gemeinden.

Die Arbeit der Kinderschutzkommissionen

Um die Jahrhundertwende bemühten sich Sozialdemokraten, Gewerkschaftler wie auch Sozialreformer um ein neues Kinderarbeitsschutzgesetz, das endlich 1903 vom Reichstag verabschiedet wurde.

Ursprünglich stellte sich die SPD eine direkte Beteiligung der Arbeiterschaft bei den Kontrollen der Gewerbeaufsicht vor, doch bald wurden alle weiblichen Vertrauenspersonen der Partei aufgefordert, eigene Kinderschutzkommissionen zu gründen.

1911 bestanden bereits an 135 Orten Kinderschutzkommissionen, über deren Tätigkeit die Zeitschrift "Gleichheit" laufend berichtete.

Kinderfreiwanderungen

Kinderferienwanderungen und Stadtranderholungen waren logische Fortsetzung der in den Kinderschutzkommissionen begonnenen Arbeit. Aus Dresden wurde erstmals 1909 von Ferienspaziergängen berichtet und in Frankfurt wurden Ferienaktionen gemeinsam mit Lehrern durchgeführt.

Mitarbeit in der Kriegswohlfahrtspflege 1914-1918

Nach Kriegsbeginn wurde die Arbeit in der vorbeugenden Kinderfürsorge unterbrochen. Die Massennotstände konnten von den öffentlichen Stellen allein nicht bewältigt werden. Freie Organisationen und die SPD wurden zur Mitarbeit in der Kriegswohlfahrtspflege aufgefordert.

Den Kinderschutzkommissionen wurde von der SPD empfohlen, ihr Aufgabengebiet zu erweitern und vorschulpflichtige und schulpflichtige Kinder in Schulen und anderen Räumen zu beaufsichtigen; Kranken und Wöchnerinnen sollte der Haushalt versorgt und Mahlzeiten zubereitet werden.

Diese Mitarbeit wurde durch die Tatsache erleichtert, daß die Kriegswohlfahrtspflege nicht als Armenunterstützung galt. Die Unterstützung mußte nicht rückerstattet werden und sie führte auch nicht mehr zur Diskriminierung.

Nach Kriegsende und dem Zusammenbruch des Kaiserreiches 1918 verkündete der "Rat der Volksbeauftragten" als neue deutsche Regierung eine Reihe sozialer und politischer Reformen. Die Weimarer Verfassung 1919 proklamierte ein umfassendes soziales Programm. Sozialdemokraten arbeiteten nun verantwortlich mit in Gemeinden, Ländern und im Reich.

Nach der Auflösung der Kriegsfürsorgeämter gingen zahlreiche Aufgaben wieder an die alten Armenämter über. Die Tätigkeit der Sozialdemokraten in den Kommissionen war damit zunächst beendet. Die künftige Stellung der Privaten Fürsorge im neuen Staat wurde in Fachkreisen diskutiert, es wurde befürchtet, daß für die Tätigkeit der Freien Wohlfahrtspflege weder Raum noch Mittel gewährt würden.

Die Einsicht, daß auf die Mitarbeit aller Schichten, insbesondere der Organisierten Arbeiterschaft in der freien Wohlfahrtspflege, nicht verzichtet werden könne, wuchs. Es erwies sich, daß ein Verband fehlte, der die Interessen der Arbeiterschaft vertrat.

So entschloß sich Marie Juchacz, dem Parteivorstand der SPD die Gründung einer Organisation für sozialdemokratische Wohlfahrtspflege mit dem Namen Arbeiterwohlfahrt vorzuschlagen.